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Joerg Lienert

Im Fokus

Qualitätsjournalismus hat seinen Preis

Glaubwürdigkeit, Unabhängigkeit und die Rolle als «vierte Gewalt» zeichnen eine Qualitätszeitung aus. Dieser Meinung ist Giovanni di Lorenzo (50), seit 2004 Chefredaktor der deutschen Wochenzeitung «DIE ZEIT». Er muss es wissen, denn seit er das Flaggschiff der deutschen Publizistik führt, ist die Zeitung ein Erfolgsmodell. Am 21. akomag-Werkstattgespräch vom 3. September in Luzern erklärte er den 85 Gästen, weshalb dem so ist. Schweizer Verlage könnten sich von seinen Ausführungen ein Stück abschneiden.

Giovanni di Lorenzo, Chefredaktor «DIE ZEIT»

Für Giovanni die Lorenzo (50), Chefredaktor der deutschen Wochenzeitung «DIE ZEIT», ist der Sachverhalt klar, und er äussert sich dazu unmissverständlich: Eine Qualitätszeitung ist möglich, dazu braucht es gut ausgebildete Journalisten und Redaktoren, die das Handwerk des Schreibens ebenso beherrschen wie die Kunst, sich schnell in eine Thematik zu vertiefen. Es braucht aber auch Verleger, die bereit sind, in Qualität zu investieren. Es ist vor allem eine Investition in Glaubwürdigkeit und Unabhängigkeit.

«DIE ZEIT» – Flaggschiff der deutschen Publizistik

Nun: Der Holtzbrinck-Verlag hat investiert – jetzt kann er die Früchte ernten: «DIE ZEIT» ist ein Erfolgsmodell, die Auflage überstieg unlängst die 500 000er-Marke. Seit dem 4. Dezember 2008 gibt es zudem eine Schweizer Ausgabe, welche die Auflage in den vergangenen neun Monaten auf rund 10 000 Exemplare verdoppeln konnte. Verantwortlich dafür zeichnet der Schweizer Journalist Peer Teuwsen, der die kluge Strategie umsetzt, eine Alternative zur «Weltwoche» zu bieten. Nicht zu verschweigen, dass die ehedem am Abgrund stehende «ZEIT» schwarze Zahlen schreibt und den Ertrag gezielt investiert, beispielsweise in die «ZEIT-ONLINE». Die Hamburger haben ein Geschäftsmodell gefunden, das Schweizer Verlage noch krampfhaft suchen.

Von gutem und schlechtem Journalismus

Um bei der Online-Zeitung zu bleiben: Giovanni di Lorenzo will die nicht gegen die Printversion ausspielen. Für ihn gilt die Maxime: «Ich unterscheide nur zwischen gutem und schlechtem Journalismus.» Guter Journalismus hat bei der «ZEIT» Tradition, die entsprechend gepflegt wird und Autoren eines Formates von Ex-Bundeskanzler Helmut Schmidt viel Platz einräumt. Schmidt ist auch einer der Herausgeber der «Zeit». 

Keine Untergangsstimmung

Der Tod des Mediums «Zeitung» scheint mittlerweile fast unausweichlich zu sein. Selbst Printjournalisten und Verleger beteiligen sich am Gerede über den Untergang der Printmedien. Giovanni di Lorenzo macht da nicht mit: «Man kann auch aus Angst vor dem Tod Selbstmord begehen», sagt der Chefredaktor der Wochenzeitung «DIE ZEIT». Zwar hätten die Zeitungen derzeit mit einer Doppelkrise zu kämpfen – mit einer Strukturkrise, weil das Internet immer mehr zu einer Konkurrenz wird und vielen Blättern die Leser ausgehen, und mit der Wirtschaftskrise, die sinkende Werbeeinnahmen zur Folge hat –, viele Probleme in der Branche seien aber auch hausgemacht. «Bei der ‹ZEIT› ist es uns bislang gelungen, auch in schwerer Seenot erfolgreich zu navigieren», sagt di Lorenzo. Man habe die Wochenzeitung verändert, ohne ihre Tradition zu verraten. Einem aggressiven Kampf zwischen Online- und Printmedium verweigert sich der Chefredaktor: Es gehe nicht um ein Entweder-oder, sondern darum, dass jedes Medium sein eigenes Profil entwickle. Di Lorenzo plädiert für einen Qualitätsjournalismus, der sich durch Glaubwürdigkeit und Unabhängigkeit auszeichnet und seiner Rolle als «vierter Gewalt» gerecht wird. Vor allem in Zeiten der Krise sehnten sich die Menschen nach Orientierung, nach Analysen und Hintergründen. Qualitätsmedien müssten den endlosen Strom der Informationen eindämmen. «Die Zeitungen der Zukunft», so di Lorenzo, «sind nicht der Fluss, sondern das Ufer.»


Interssierte Zuhörer am akomag Werkstattgespräch.

akomag-Werkstattgespräche – auch der Qualität verpflichtet

Seit ihrer Gründung 1988 führt die akomag Kommunikation & Medienmanagement AG mit Sitz in Stans und Luzern Werkstattgespräche zu den Themen «Kommunikation» und «Medien» durch. Vor einem Jahr war Nikolas Brender, Chefredaktor des Zweiten Deutschen Fernsehens (ZDF), zu Gast in Luzern. Die akomag-Werkstattgespräche richten sich an Kunden und Freunde der Agentur, und es sind im Schnitt 80 Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Politik und Medien, welche die jährlich stattfindende Veranstaltung besuchen. Mit dem Internetmagazin Roi-online sowie den Wirtschaftsmagazinen ROI und w.i.n. ist akomag selber auch verlegerisch tätig.

Freitag, 04. September 2009



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